Otto Kasten Preis 2026 - Theater als demokratischer Raum 'Laudatio von Teresa Monfared '
vom Deutschen Bühnenverein im Berliner Ensemble
Lieber Gustav / Zwek, Liebe Anwesende, Kennen Sie Zwek?
Die Antwort lautet vermutlich: nein - oder: noch nicht
Aber wie auch? Denn Zwek entzieht sich beharrlich den Kategorien, die wir im Kulturbetrieb so gerne verwenden. Ist er Bühnenbildner? Bildender Künstler? Aktivist? Architekt? Techniker? Sozialarbeiter? Netzwerker?
Die Antwort lautet vermutlich für alles: ja.
Wer ihm begegnet, begegnet vor allem einem Künstler, der sich nicht damit zufrieden gibt, die Welt abzubilden. Er will sie gestalten.
Aufgewachsen im und um Theater, autodidaktisch geprägt, führte ihn sein Weg über Produktionssleitung und Lichtdesign zu einer politisch- künstlerischen Praxis, die eng verbunden ist mit dem Atelierhaus LA54.
Wir finden seine Arbeiten nicht auf den großen bekannten Bühnen denn seine künstlerische Praxis widersetzt sich oft jeder Domestizierung. Während andere auf Produktionsbedingungen warten, schafft Zwek sie selbst. Während andere nach Zuständigkeiten fragen, baut er Strukturen. Während andere Projekte planen, hat er schon zu arbeiten begonnen. Meistens im Kollektiv, häufig im öffentlichen Raum, immer unabhängig und radikal.
Der Regisseur René Ritterbusch beschreibt seine Szenografien als Räume, die sich den Spielerinnen und Spielern nicht sofort ergeben. Räume aus Beton, Stahl, Erde und Glas. Räume, die anders klingen, anders riechen, anders reagieren. Räume, die den Theaterraum öffnen und die Stadt in ihn hineintragen.
Zwek sieht sich selbst eher als bildenden Künstler. Und doch hat er die Grenzen der Szenografie auf besondere Weise ausgedehnt. Seine Bühnen sind mehr als Dekorationen. Sie sind Widerstände.
Das macht ihn aus: Dass er zutiefst davon überzeugt ist, dass Kunst gesellschaftlich wirksam sein kann. Dafür schafft er Raum mit einer
unbändigen Energie, die immer unabhängig, experimentell, gemeinschaftlich und in der Überzeugung demokratisch ist.

Dabei wird Zwek selbst Teil seiner Arbeiten. Nicht als Selbstdarsteller, sondern weil die Trennung zwischen Leben, Material und Kunst bei ihm zunehmend verschwindet. Wer ihn kennt, weiß: Er arbeitet nicht über seine Themen. Er lebt in ihnen.
Das zeigt sich besonders in seinen Projekten.
Die Schlichthäuser, die er am Kottbusser Tor gebaut und bewohnt hat, sind keine künstlerische Illustration von Wohnungslosigkeit. Sie haben konkrete Räume für Menschen, die auf der Straße leben geschaffen und waren gleichzeitig Ort für künstlerischen Diskurs.
Das Transitfon ist keine Reflexion über Kommunikation. Es schafft eine unabhängige Infrastruktur für Menschen auf der Flucht und im Transit.
Die Kunstkombüse ist kein Symbol für Gemeinschaft. Sie produziert Gemeinschaft.
Zweks Arbeiten beginnen dort, wo viele Kunstwerke enden: bei ihrem lebensnahen Nutzen für andere Menschen.
Dabei eignet er sich Technologien an, durchdringt ihre Funktionsweisen und übersetzt sie in räumliche Erfahrungen. Er macht sichtbar, was unseren Alltag bestimmt: Netzwerke, Systeme, Machtstrukturen. Nicht abstrakt, sondern materiell. Verständlich. Benutzbar.
Vielleicht liegt genau darin die politische Kraft seiner Arbeit. Sie predigt nicht.
Sie verkleidet sich nicht.
Sie behauptet nicht.
Sie baut.
Aus Materialien, die andere wegwerfen würden. Aus Orten, die andere übersehen. Aus Möglichkeiten, die andere für unrealistisch halten.
In einer Zeit, in der vieles auf Effizienz, Verwertbarkeit und Oberfläche ausgerichtet ist, besteht Zwek auf Wildheit, Eigenständigkeit und Verbundenheit. Seine Arbeiten zeigen ihre Konstruktion. Sie legen ihre Bedingungen offen. Sie machen nachvollziehbar, wie Dinge funktionieren – und damit auch, wie sie verändert werden können.
Das Theater lebt gerade von solchen Grenzgängerinnen, die den Bühnenbegriff erweitern – vom Aufführungsort zum sozialen, politischen und öffentlichen Raum.
Und deshalb freut es mich besonders, dass heute der Otto-Kasten-Preis an Zwek verliehen wird.
Weil er uns daran erinnert, dass Theater nicht nur Räume darstellen kann, sondern Räume schafft.
Räume für Begegnung.
Räume für Teilhabe.
Räume für Widerspruch.
Und Räume für die Vorstellung, dass die Welt auch anders gebaut werden könnte.
Herzlichen Glückwunsch, lieber Zwek.
Dear Gustav / Zwek, dear attendee
Do you know Zwek? The answer is probably: no – or: not yet
That is not surprising? Because Zwek removes himself persistently from categories, which we like using very much in the cultural field, Is the stage-designer? fine-artist? activist? architect? technician? social-worker? networker?
The answer for all of it is probably: yes.
Whoever meets him, meets mainly an artist, who isn´t satisfied to picture the world. He wants to create it.
Grown up in and around the theater, autodidactically taught, his way went along production and light design to a political-artistic practice, which was closely tied with the Atelierhaus LA 54.
We don´t find his works on the big well-known stages, because his artistic praxis often withdraws itself from domestication. While others wait on production conditions, Zwek is making them. While others ask about roles, he builds structures. While others are planning, he had already started working. Mostly with a collective, often in public space, always independent and radical.
The director René Ritterbusch describes his scenographies as spaces which are not grasped immediately by the actors. Rooms made of concrete, steel, earth and glass. Rooms, that sound different, smell different, react different. Rooms which open up the theater space and move the city inside.
Zwek sees himself rather as a visual artist. But yet he has expanded the borders of scenography in a special way. His stages are more than decorations. They are resistance.
That’s what characterises him: that he is deeply convinced, that art can have a societal impact. Fot that he creates space with an untamed energy, that´s always independent, experimental, communal and by conviction democratic.
In that Zwek becomes part of his work himself. Not as a self-presenter, but because the distinction between life, material and art increasingly dissolves. Whoever knows him, knows: he doesn´t work about his topics. He lives in them.
This is particularly visible in his projects.
The Schlichthouses, which he built and lived in at Kottbusser Tor, are no artistic illustration of homelessness. They have given concrete spaces for people living on the street an were at the same time places for artistic discourse.
The Transitfon is not a reflection about communication. It builds an independent infrastructure, for humans in search of refuge and in transit.
The Art-Caboose is not a symbol for community. It produces community.
Zweks works start where many artworks end: at their real-life use for other people.
For that he acquires technologies, and percolates their functionalities and translates them into a spatial experience. He makes visible what constitutes our everyday life: networks, systems, power-structures. Not abstract, but material. Understandably. Usable.
Maybe it´s exactly that where the political strength of his work lays.
It´s not preaching.
It´s not disguised.
It´s not pretending.
It´s building.
From materials, which others would throw away. From places that others oversee. From opportunities, that others find unrealistic.

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In a time, in which many things are directed at efficiency, exploitability and surface, Zwek insists on wildness, autonomy and connectivity. His works show construction.
They disclose circumstances. They make comprehensible how things function – and therefore, how they can be changed.
The theater lives of such borderliners who expand the concept of scenography – from a performance space to a social, political and public space.
And that´s why I´m particularly happy, that today the Otto-Kasten-Prize is awarded to Zwek.
Because he reminds ourselves, that theater cannot only represent spaces, but create spaces.
Spaces for encounters.
Spaces for participation.
Spaces for controversies.
And spaces for the imagination, that the world could also be built differently.
Hearty Congratulations, dear Zwek.
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